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Individualsoftware und Automatisierung

Individualsoftware oder Standardsoftware: KMU-Entscheidung

Titan Web Solutions GmbH 6 Min. Lesezeit

Die Buchhaltungssoftware reicht seit Jahren, aber die Auftragsabwicklung läuft über eine Excel-Tabelle, die nur eine Person wirklich versteht, und ein Anbieter verspricht die passende Standardlösung innerhalb von sechs Wochen. Genau in diesem Moment stehen viele Geschäftsführer eines KMU ohne eigene IT-Abteilung vor der Frage, ob Individualsoftware oder Standardsoftware die richtige Wahl ist. Die Entscheidung lässt sich strukturiert treffen, auch ohne internes IT-Fachwissen, wenn man sie an klaren Kriterien statt am Bauchgefühl oder am günstigsten Angebot festmacht.

Warum diese Entscheidung gerade jetzt ansteht

Der Digitalisierungsdruck auf Unternehmen ist in den letzten Jahren spürbar gestiegen, und viele Betriebe geben das inzwischen offen zu. 53 Prozent der befragten Unternehmen berichten von Problemen, die Digitalisierung zu bewältigen, und 64 Prozent bezeichnen sich selbst als digitale Nachzügler, so der Bitkom-Studienbericht Digitalisierung der Wirtschaft 2025, eine repräsentative Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten.

Das ist keine abstrakte Statistik, sondern ein Muster, das sich in vielen Betrieben wiederfindet: Ein Alt-System stößt an seine Grenzen, ein manueller Prozess frisst zu viel Zeit, und die nächste Investitionsentscheidung steht an. 73 Prozent der Unternehmen sagen laut derselben Studie zudem, zu langsame Digitalisierung habe der Wirtschaft bereits Marktanteile gekostet. Wer diese Entscheidung überstürzt trifft, kauft oft eine Lösung, die zum Anbieter passt, aber nicht zum eigenen Prozess. Wer sie gar nicht trifft, verschleppt ein Problem, das mit der Zeit teurer wird, nicht billiger.

Die Kriterien, die wirklich zählen, nicht nur der Preis

Eine saubere Make-or-Buy-Entscheidung bei Software stützt sich auf mehrere Kriterien gleichzeitig, nicht auf den Anschaffungspreis allein. Nach dem Leitfaden von Jochen Kärcher, Build vs. Buy Entscheidung für KMU, zählen dazu die strategische Bedeutung des Prozesses fürs Kerngeschäft, die Gesamtkosten über 3 bis 5 Jahre, die Umsetzungsgeschwindigkeit, die Verfügbarkeit interner Ressourcen zum Betrieb, die Skalierbarkeit und Sicherheits- beziehungsweise Compliance-Anforderungen.

Eine einfache Faustregel hilft bei der ersten Einordnung: Wer einen austauschbaren Standardprozess automatisiert, etwa Buchhaltung oder ein Standard-CRM, fährt in der Regel mit Standardsoftware besser, weil Wartung, Weiterentwicklung und Ausfallsicherheit beim Hersteller liegen. Wer dagegen einen Prozess automatisiert, der das eigene Geschäftsmodell von Mitbewerbern unterscheidet oder eng mit einem Alt-System verzahnt ist, verliert bei Standardsoftware häufig genau die Anpassungsfähigkeit, die den Unterschied macht.

Praktisch heißt das für einen Geschäftsführer ohne IT-Abteilung: Zuerst ehrlich fragen, ob der betroffene Prozess ein Kernprozess ist, der das Unternehmen von der Konkurrenz abhebt, oder ein Randprozess, den jedes vergleichbare Unternehmen genauso hat. Diese eine Frage sortiert einen großen Teil der Fälle bereits vor.

Warum der Kaufpreis-Vergleich in die Irre führt

Ein Vergleich, der nur den Kaufpreis einer Standardlösung dem Stundensatz einer Individualentwicklung gegenüberstellt, greift zu kurz. Eine belastbare Kostenrechnung bezieht Lizenz- beziehungsweise Entwicklungskosten, Customizing, Integrationsaufwand, Schulung und die Kosten von Prozessreibung über mehrere Jahre ein, wie Kärcher im selben Leitfaden ausführt.

Konkret gehören folgende Positionen in eine ehrliche Gesamtkostenrechnung:

  • Lizenz- oder Entwicklungskosten als Startpunkt, nicht als Endpunkt der Rechnung
  • Customizing, also wie viel Anpassung an der Standardlösung nötig ist, damit sie zum eigenen Prozess passt
  • Integrationsaufwand in bestehende Systeme, etwa eine Warenwirtschaft oder ein Alt-System
  • Schulungskosten für die Mitarbeitenden, die mit der neuen Lösung arbeiten
  • Kosten der Prozessreibung, wenn eine Standardlösung Umwege erzwingt, die Zeit kosten, Jahr für Jahr

Gerade der letzte Punkt wird oft übersehen. Eine Standardsoftware, die täglich einen zusätzlichen Excel-Umweg erzwingt, kostet über drei Jahre oft mehr an Arbeitszeit, als eine individuelle Anpassung an der richtigen Stelle gekostet hätte. Eine Gesamtkostenrechnung über 3 bis 5 Jahre macht solche versteckten Kosten sichtbar, ein reiner Einstiegspreisvergleich verschleiert sie.

Der Sonderfall Alt-System: wann Ablösen zur Notwendigkeit wird

Ein Alt-System wie AS/400 (IBM i) wird auch dann zum eigenständigen Entscheidungskriterium, wenn es technisch stabil läuft, weil das Wissen darüber an einzelne Personen gebunden ist. In der jährlichen, weltweiten Fortra-Marktbefragung unter IBM-i-Anwendern mit 320 Teilnehmenden rangiert IBM i Skills 2026 erstmals seit 2017 als meistgenanntes Sorgenthema, noch vor Cybersecurity, das weiterhin von 64 Prozent der Befragten genannt wird, so die 2026 IBM i Marketplace Survey Results von Fortra.

Für ein KMU heißt das: Selbst ein Alt-System ohne akute technische Probleme kann zur dringenden Priorität werden, sobald die Person, die es versteht, in Pension geht oder das Unternehmen verlässt. Genau diese Abhängigkeit von Einzelpersonen ist eines der Kaufmotive, das Betriebe zur Ablöse oder zumindest zur Anbindung eines Alt-Systems bewegt. In der Praxis begegnet uns dieses Muster regelmäßig bei Fachbetrieben, die über Jahre auf ein Alt-System wie AS/400 oder ein altes .NET-System aufgebaut haben und heute eine Excel-zu-AS/400-Anbindung oder eine schrittweise Migration brauchen, um nicht mehr von einer einzelnen Person abhängig zu sein. Anonymisierte Beispiele dazu finden sich in unseren Referenzen.

Wie ein KMU-Geschäftsführer die Entscheidung strukturiert trifft, ohne IT-Abteilung

Ohne eigene IT-Abteilung lässt sich die Entscheidung in drei nachvollziehbaren Schritten treffen: den Ist-Prozess dokumentieren, die Kriterien aus dem vorherigen Abschnitt durchgehen und eine Gesamtkostenrechnung über mehrere Jahre aufstellen, bevor überhaupt ein Angebot eingeholt wird.

Im ersten Schritt wird der betroffene Prozess so beschrieben, wie er heute tatsächlich abläuft, inklusive aller Excel-Umwege und Handarbeit, nicht wie er im Idealfall aussehen sollte. Im zweiten Schritt werden strategische Bedeutung, Gesamtkosten, Umsetzungsgeschwindigkeit, interne Ressourcen, Skalierbarkeit und Sicherheitsanforderungen der Reihe nach durchgegangen. Im dritten Schritt entsteht daraus eine Kostenrechnung, die Lizenz oder Entwicklung, Customizing, Integration, Schulung und Prozessreibung über 3 bis 5 Jahre abbildet.

Wer diesen Fahrplan nicht allein gehen möchte, kann ihn in einem Prozess-Check mit einer neutralen zweiten Meinung absichern, einem Beratungsgespräch, kein Verkaufsgespräch. In Österreich unterstützt das Förderprogramm KMU.DIGITAL grundsätzlich die Beratungsphase einer solchen Digitalisierungsentscheidung. Die Fördertöpfe der klassischen Schiene sind laut der offiziellen Programmseite erfahrungsgemäß innerhalb weniger Monate ausgeschöpft, daher lohnt sich vor jeder Antragsplanung ein aktueller Blick auf kmudigital.at, weil sich der Status kurzfristig ändern kann.

FAQ zu Individualsoftware oder Standardsoftware für KMU

Wann lohnt sich Standardsoftware für ein KMU?

Standardsoftware lohnt sich vor allem für austauschbare Randprozesse wie Buchhaltung oder ein Standard-CRM, die kein Unternehmen von seinen Mitbewerbern unterscheiden. Wartung, Weiterentwicklung und Ausfallsicherheit liegen dann beim Hersteller, was den internen Aufwand ohne eigene IT-Abteilung deutlich senkt. Zusätzliche Anpassungen sollten aber vorab realistisch eingepreist werden.

Wann lohnt sich Individualsoftware?

Individualsoftware lohnt sich, wenn ein Prozess das eigene Geschäftsmodell von Mitbewerbern unterscheidet oder eng mit einem Alt-System verzahnt ist. In diesen Fällen verliert eine Standardlösung häufig genau die Anpassungsfähigkeit, die für den Wettbewerbsvorteil sorgt. Entscheidend ist die strategische Bedeutung des Prozesses fürs Kerngeschäft, nicht der reine Anschaffungspreis.

Was gehört in eine ehrliche Gesamtkostenrechnung?

Eine ehrliche Gesamtkostenrechnung umfasst Lizenz- oder Entwicklungskosten, Customizing, Integrationsaufwand, Schulung und die Kosten der Prozessreibung über 3 bis 5 Jahre. Ein reiner Vergleich von Kaufpreis gegen Stundensatz greift zu kurz, weil er versteckte Folgekosten und Zeitaufwand im laufenden Betrieb ausblendet.

Warum wird ein Alt-System wie AS/400 zum Risiko, auch wenn es stabil läuft?

Ein Alt-System wie AS/400 wird zum Risiko, weil das Wissen darüber oft an einzelne Personen gebunden ist. Laut der Fortra-Marktbefragung 2026 rangiert IBM i Skills erstmals seit 2017 als meistgenanntes Sorgenthema unter IBM-i-Anwendern, noch vor Cybersecurity, was die wachsende Abhängigkeit von Einzelpersonen unterstreicht.

Gibt es Förderung für die Entscheidungsphase einer Software-Investition?

In Österreich existiert mit KMU.DIGITAL grundsätzlich ein Förderprogramm für die Beratungsphase einer Digitalisierungs- oder Softwareentscheidung. Da die Fördertöpfe der klassischen Schiene erfahrungsgemäß rasch ausgeschöpft sind, sollte der aktuelle Förderstatus vor jeder Antragsplanung direkt auf kmudigital.at geprüft werden, weil er sich kurzfristig ändern kann.

Nächster Schritt

Wenn Sie nicht sicher sind, ob Ihr nächster Prozess eine Standardlösung oder individuelle Software braucht, lässt sich das in einem Prozess-Check klären, einem Beratungsgespräch ohne Verkaufsdruck. Wir bewerten dort konkret Ihren Prozess, die passenden Kriterien und eine realistische Gesamtkostenrechnung. Prozess-Check anfragen.

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